Der Baugrund in Marburg wechselt oft innerhalb weniger Meter. In der Oberstadt stehen wir auf verwittertem Buntsandstein, der trügerisch fest wirkt, aber in Klüften Wasser führt. Richtung Südbahnhof dominieren dagegen quartäre Hanglehme mit geringer Kohäsion. Eine Baugrube am Pilgrimstein erfordert eine völlig andere Verankerung als eine Stützwand am Richtsberg. Wer hier mit Standardlösungen arbeitet, riskiert Verformungen, die an der Nachbarbebauung Risse hinterlassen. Wir kombinieren die Ankerbemessung daher immer mit einer sorgfältigen Baugrunderkundung, etwa durch einen CPT-Versuch, um die Scherfestigkeit in der tatsächlichen Einbautiefe zu kennen. Nur so lassen sich aktive und passive Systeme wirtschaftlich und sicher dimensionieren.
Eine aktive Vorspannung verhindert Verschiebungen, bevor sie entstehen – in Marburgs Hangbebauung oft die einzige Chance, Setzungsschäden an Altbauten sicher auszuschließen.
Methodik und Umfang
Ein zwölfgeschossiges Wohnhaus am Glaskopf verdeutlicht die Anforderungen: Die Baugrube reichte acht Meter tief in den Hang, direkt angrenzend an eine Bestandsbebauung von 1928. Die Verformungsarmut der rückwärtigen Verankerung hatte absolute Priorität. Wir legten das System als temporäre aktive Litzenanker mit zweifachem Korrosionsschutz aus, vorgespannt auf 350 kN. Die Krafteinleitung erfolgte über einen Stahlbetongurt, der die Horizontalkräfte gleichmäßig in den anstehenden Sandstein ableitete. Die Prüfung jedes Ankers erfolgte nach DIN EN 1997-1 und DIN SPEC 18537, mit Eignungs- und Abnahmeprüfungen an jedem dritten Anker. Passive Tragglieder, die erst bei Verschiebung Kräfte aufnehmen, setzen wir in Marburg nur bei unempfindlichen Böschungen oder als ergänzende Rückverankerung ein, wo geringe Deformationen tolerabel sind.
Lokale Besonderheiten
Ein häufiger Fehler in Marburg ist die Annahme, ein passiver Anker funktioniere im verwitterten Sandstein genauso wie im Lockergestein. Passive Systeme benötigen eine messbare Relativverschiebung im Krafteinleitungsbereich, um ihre Wirkung zu entfalten. Steht die Baugrube jedoch drei Meter vor einem Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert, wie in der Oberstadt, sind schon wenige Millimeter Verformung kritisch. Ein weiteres Risiko entsteht durch die Vernachlässigung des Bergwassers. Schichtwasser auf den Tonsteinlagen baut Porenwasserdrücke auf, die in der Ankerbemessung als zusätzliche Horizontallast angesetzt werden müssen. Unsere Bemessung berücksichtigt deshalb immer das ungünstigste Wasserstandsszenario und weist die innere Standsicherheit für den Einzelfall nach.